MEINE INNERE FRAGE · EIGENSTÄNDIGER REDAKTIONELLER TEXT

Wonach richte ich mein Leben wirklich aus?

Schauen wir auf unsere Werte und unsere täglichen Entscheidungen: Was bewahren wir, was schieben wir auf und welchen Preis nehmen wir in Kauf?

Lesezeit: ca. 4 Minuten

Recherche, Zusammenstellung und redaktionelle Arbeit — Veli Türkmen

Inhaltsverzeichnis
  1. Der genannte Wert und die getroffene Entscheidung
  2. Gewohnheit, Angst und Verantwortung unterscheiden
  3. Die Lebensumstände berücksichtigen
  4. Wenn zwei Werte miteinander in Konflikt geraten
  5. Einen Maßstab im Handeln sichtbar machen

Am Ende eines Tages hast du vielleicht fast alles erledigt und fühlst dich trotzdem weit von dir selbst entfernt. Dieses Gefühl allein bedeutet nicht, dass du falsch lebst. Vielleicht bist du müde oder hast eine schwere Verantwortung getragen. Dennoch lohnt eine Frage: Was hatte bei meinen heutigen Entscheidungen das letzte Wort?

Auf die Frage „Wonach richte ich mein Leben aus?“ lässt sich leicht mit einer Liste von Werten antworten: Ehrlichkeit, Vertrauen, Lernen, Mitgefühl. Schwieriger wird es, wenn zwei wichtige Dinge gleichzeitig unsere Aufmerksamkeit verlangen. Dann zählt nicht nur, was wir wählen, sondern auch warum – und welche anderen Möglichkeiten wir hatten.

Der genannte Wert und die getroffene Entscheidung

Stellen wir uns eine erfundene Situation vor. Jemand möchte andere nicht im Stich lassen. Obwohl bereits Aufgaben warten, nimmt diese Person noch eine Bitte an und kann anschließend frühere Zusagen nicht einhalten. „Ich möchte helfen“ kann aufrichtig gemeint sein. Zugleich könnte die Angst, jemanden zu enttäuschen, bei der Entscheidung eine Rolle gespielt haben. Was ausschlaggebend war, können wir von außen nicht sicher wissen.

Die hilfreiche Frage ist hier konkreter als „Bin ich ein guter Mensch?“: Konnte ich diese Aufgabe tatsächlich übernehmen? Welche frühere Zusage würde dadurch leiden? Hätte ich eine begrenzte Hilfe anbieten können? „Heute kann ich nicht alles übernehmen, aber diesen Teil kann ich erledigen“ kann aus dem Wert der Hilfsbereitschaft eine tragfähigere Entscheidung machen.

Gewohnheit, Angst und Verantwortung unterscheiden

Dasselbe Verhalten kann unterschiedliche Gründe haben. In einem Gespräch zu schweigen kann bedeuten, Zeit zum Nachdenken zu brauchen, jemandem zuzuhören, den eigenen Lebensunterhalt nicht zu gefährden oder einen Einwand zu scheuen. Wer allein aus dem Verhalten eine sichere Absicht ableitet, übersieht diese Unterschiede.

Drei Fragen können helfen, die Gründe auseinanderzuhalten: Was wollte ich in diesem Moment schützen? Welche Folge befürchtete ich? Welche Möglichkeiten hatte ich tatsächlich? Diese Antworten schließen einander nicht aus. Man kann einer Verantwortung nachkommen und gleichzeitig einen Verlust fürchten. Selbstprüfung soll nicht in jeder Entscheidung einen Fehler finden, sondern ihre Grundlage sichtbar machen.

Die Lebensumstände berücksichtigen

Wofür du deine Zeit verwendest, ist ein Hinweis; es ist keine vollständige Landkarte deiner Werte. Lange Arbeitszeiten, Sorgearbeit, Krankheit oder finanzielle Verpflichtungen können die Wahlmöglichkeiten einschränken. Wenn du heute wenig Zeit für etwas aufbringen kannst, das dir wichtig ist, beweist das nicht, dass es dir gleichgültig wäre.

Bevor du bei dem Urteil „Wenn ich es gewollt hätte, hätte ich es getan“ stehen bleibst, unterscheide deshalb zwischen dem, was du ändern kannst, und dem, was du gegenwärtig tragen musst. Manchmal besteht der nächste Schritt nicht darin, noch eine Aufgabe hinzuzufügen. Es kann darum gehen, eine unrealistische Zusage neu zu besprechen, Unterstützung zu suchen, etwas zu verschieben oder Raum für Erholung zu schaffen. Auch die eigene Grenze anzuerkennen kann verantwortungsvoll sein.

Wenn zwei Werte miteinander in Konflikt geraten

Vielleicht möchtest du lernen und zugleich ein Versprechen halten. Beides ist wichtig, doch an einem Abend lässt sich womöglich nicht beides schaffen. Statt die Entscheidung allein dem momentan stärkeren Wunsch zu überlassen, kann eine Unterscheidung helfen: Was ist eine zeitgebundene Verpflichtung, was ein verschiebbares Ziel? Wen betrifft meine Entscheidung? Lässt sich das Versäumte nachholen?

Es gibt keine einzige Reihenfolge, die jede Situation löst. Eine Zusage, die die Rechte eines anderen berührt, ist nicht bloß eine persönliche Vorliebe. Ein ernstes Anliegen der Gesundheit oder Sicherheit ist ebenfalls keine gewöhnliche Aufgabe auf einer Liste. Eine Entscheidung muss sowohl den Wert als auch den Zusammenhang berücksichtigen. Derselbe Maßstab kann unter anderen Umständen einen anderen Schritt verlangen.

Einen Maßstab im Handeln sichtbar machen

Wähle eine einzelne Entscheidung aus der letzten Zeit, statt ein großes Urteil über dich zu fällen. Beschreibe getrennt, was du getan hast, was du damals wusstest und welcher Grund überwog. Verwende später gewonnene Informationen nicht so gegen dich, als hättest du sie schon damals gekannt. Prüfe anschließend, ob du heute etwas anders machen könntest.

Wenn du Ehrlichkeit wichtig findest, kann sie darin sichtbar werden, bei Unsicherheit „Das weiß ich nicht“ zu sagen. Wenn du lernen möchtest, kann das heißen, nachzufragen, wo du etwas nicht verstanden hast. Dein Maßstab zeigt sich nicht in einem fehlerlosen Leben. Er zeigt sich darin, dass du deine Gründe erkennst und deine nächste Entscheidung bei Bedarf korrigieren kannst.

Über diesen Text

Dies ist ein eigenständiger redaktioneller Lesetext für MİZAN. Die Beispiele sind erfunden und beschreiben keine bestimmte Person. Der Text wird weder als Buchkapitel, Koran- oder Hadithzitat noch als wissenschaftliches Forschungsergebnis dargestellt.

Ist Recht zu haben dasselbe wie nach Wahrheit zu suchen?Zurück zur Bibliothek